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TAGESKLINIK GYNÉ INVITRO Dr. med. Michael Singer

 

Eizellvorsorge - manchmal eine legitime Notlösung

POSITIV
  • Psychologische Entlastung von Single-Frauen, insbesondere solchen, deren Ex-Partner keine Kinder wollte
  • Absicherung bei medizinischer Problematik (Endometriose, Mutter hatte frühe Menopause, für das Alter tiefer AMH-Wert)

 

NEGATIV
  • Zahlreiche Frauen lagern zu spät (nach 35) und zu wenige (unter 15) Eizellen ein
  • Nur 11% der Frauen greifen auf ihre Eizellen zurück, davon gebären nur 28% ein Baby (52%, wenn die Einlagerung vor 35 erfolgte)
  • Es ist eine Illusion, dass die Familiengründung mit 40 (oder gar später) einfacher sein wird; wir sahen Patientinnen, die mit 35 Jahren Eizellen einlagerten und mit 45 voller Verzweiflung realisierten, dass die gesetzliche Lagerungsfrist um ist
  • Bei Frauen in stabiler Partnerschaft sind nur wenige Situationen denkbar, in denen Eizellvorsorge sinnvoll ist, statt bald eine Familie zu gründen
  • Investor-getriebene neue Zentren mit teurer Infrastruktur werben aggressiv für ihre hochpreisigen Angebote; die Bewertung der Eizellen mit KI ist noch sehr fehlerbehaftet (59% richtige und 41% falsche Vorhersagen)

 

Eizellvorsorge (engl. social egg freezing) ist das Tiefkühlen unbefruchteter weiblicher Eizellen als Vorsorge für den Fall, dass später ein unerfüllter Kinderwunsch besteht. Hintergrund ist die rapide abnehmende Fruchtbarkeit der Frau ab 35 Jahren (bei etlichen Frauen schon ab 30 Jahren). Wir bieten dies seit 2012 auch in unserem Labor an, immer nach ausführlicher ärztlicher Beratung.

 

Eizellvorsorge in aller Munde - der NZZ-Artikel von 2013 ist heute (2026) noch weitgehend aktuell, ausser dass die Eizellen nun zehn Jahre aufbewahrt werden dürfen.

 

Kein einfacher Weg

Das Verfahren entspricht einer In vitro-Fertilisation in zwei Etappen: bei der Einlagerung werden die Eierstöcke der Frau mit Hormoninjektionen stimuliert, um dann die Eizellen in einer ca. zehnminütigen Kurznarkose durch die Scheide zu entnehmen, mit einer ultraschnellen Abkühlungsmethode (Vitrifikation) einzufrieren und in flüssigem Stickstoff bei -196°C zu lagern.

 

Um die eingelagerten Eizellen in einer zweiten Phase zu benützen, werden diese aufgetaut und mit dem Samen des Partners im Reagenzglas befruchtet. 80-90% der Eizellen überleben das Einfrieren und Auftauen; wegen der natürlichen Ineffizienz der menschlichen Fortpflanzung beträgt die Chance auf ein Kind aber nur - altersabhängig - zwischen 6% und 9% Prozent pro Eizelle. Aus diesem Grund sollte eine Frau zwischen 15 und 20 Eizellen einlagern, um zu 80% ein Kind zu bekommen; dafür sind unter Umständen mehrere Stimulationen nötig. Weder die Einlagerung noch die spätere In vitro-Fertilisation werden von der Krankenkasse übernommen; die Einlagerung kostet knapp 6000 Franken, die spätere In vitro-Fertilisation (mit bereits vorhandenen Eizellen) gut 4000 Franken.

 

Dauer der Einlagerung

Biologisch könnten die eingelagerten Eizellen sehr lange aufbewahrt werden. In der Schweiz ist die Lagerung seit 2017 auf zehn Jahre beschränkt, so dass das ideale Alter für die Einlagerung 30-35 Jahre beträgt. Die Eizellen sollten aus unserer Sicht vor dem Alter von 45 Jahren verbraucht oder bei Nichtgebrauch vernichtet werden. Diese Grenze von 45 Jahren gilt nur bei tadelloser Gesundheit (Nichtraucherin, kein Übergewicht, kein Bluthochdruck, kein Diabetes), da die Schwangerschaft sonst mit einem hohem Risiko für Mutter und Kind einhergehen könnte.

 

Im Nachrichtenmagazin «10 vor 10» vertrat ich 2014 meine differenzierte Meinung: Eizellvorsorge ist sicher kein Allerheilmittel für die Gesamtbevölkerung, kann aber für Frauen über 30-35, die keinen geeigneten Partner zur Familiengründung haben, eine sinnvolle Lösung sein.

 

Meine persönliche Ansicht

Die Eizellvorsorge ist eine Notlösung - besser und einfacher wäre es, die Familie zu gründen, bevor man 35 Jahre alt ist. Kinderfreundlichere Gesellschaftsmodelle wie in Frankreich und in Skandinavien beweisen, dass dies möglich ist. Es gibt aber Lebenssituationen, in denen die Eizellvorsorge legitim ist und einen Teil des grossen psychologischen Drucks wegnehmen kann. In meiner Praxis sehe ich recht selten die klischeehaften Karrierefrauen, die den Kinderwunsch vor sich herschieben; viel häufiger sehe ich Frauen, die sich immer schon Kinder wünschten, aber von ihren männlichen Partnern hingehalten oder im entscheidenden Moment verlassen wurden. Für diese Frauen ist das Vorhandensein eigener eingelagerter Eizellen eine attraktive Alternative zur (in der Schweiz verbotenen) Eizellspende. Kritiker des social freezing sollten sich fragen, ob sie mit derselben Verve auch Männer kritisieren, die im Alter von 50 oder 55 Jahren erst (oder nochmals) Vater werden.

 

Ich distanziere mich

in aller Form von der hedonistisch-kommerziellen Werbung von Anbietern, die nach dem Motto «Alles zu meiner Zeit» den Frauen suggerieren "das Leben unbeschwert genießen, Karriere machen, erst den richtigen Partner fürs Leben finden". Diese Zentren bringen die Methode in Verruf und fördern den Irrglauben, das eigene Leben voll unter Kontrolle zu haben. Aus meiner persönlichen Sicht, als Leiter eines kleinen Familienunternehmens und mittlerweile Grossvater von vier Enkelkindern, ist die Fortpflanzung ein Grundbedürfnis des Menschen, das keinerlei Rechtfertigung bedarf und nicht ohne Not jenseits von 30 bzw. 35 Jahren hinausgeschoben werden sollte. Ein Kind stellt das - vorher ach so egozentrische und planbare - Leben im positiven Sinn auf den Kopf.

 

 

Dr. Michael Singer / 2013-2026